Von Hamstern und leeren Regalen

Ursprünglich hatte ich eine kürzere Version des nun folgenden Artikels geschrieben und ihn zwei Mal auf Facebook auf meinem Account gepostet. Jedes Mal ist der Beitrag inklusive der Quellenangaben für meine Darlegungen binnen 1h spurlos verschwunden. Woran das liegt? Ich habe keine Ahnung. Aber damit das nicht noch einmal passiert, entschied ich mich dazu, meinen Text noch ausführlicher auszuarbeiten und ihn auf meinen Blog zu veröffentlichen. Zugegeben, das Thema ist jetzt nicht unbedingt mit den anderen Themen auf meiner Website kompatibel. Aber es ist wichtig und ich interessiere mich ja nicht nur für belletristische Literatur und die künstlerische Darstellung von Landkarten.

Und immer wieder grüßt das Murmeltier
oder in unserem Falle der Hamster.

Es ist ein Dauerbrenner geworden, die Meldung über leere Regale im Supermarkt. Es vergeht keine Woche, in der nicht gefühlt ein Dutzend Male irgendein Medienblatt darüber berichtet, dass Ware X knapp wird und wir mit leeren Regalen und Warenknappheit rechnen müssen. Wisst ihr, was mir in dieser ganzen Berichterstattung fehlt? Eine gute Darlegung der Hintergründe. Ich lese dort Panikmache und der Krieg in der Ukraine sei schuld. Das ist derzeit das Todschlagargument schlechthin. Jetzt stellt sich mir aber die Frage: Ist das alles? Schließlich kommen ja nicht alle Waren, die mit Abwesenheit im Supermarkt glänzen, aus der Ukraine.

Bei meinen Einkäufen achte ich durchaus darauf, was wann nicht da ist. Auch ich muss mich darauf einstellen, das zu kaufen, was da ist, und nicht unbedingt das, was ich gerne hätte. Und dabei fällt mir auf, dass auch Waren ausverkauft sind, die aus Übersee kommen oder der heimischen Produktion entspringen. Zu den Waren aus Übersee gehört z. B. der Reis. Von einem Tag auf den anderen ist bei uns der Reis heiß begehrt und fehlt im Regal. Zuerst war es nur das Billigsortiment und dann auch die teureren Marken. Schaue ich eine Armlänge im Regal weiter, wo Grundnahrungsmittel wie Erbsen und Linsen stehen, könnte ich mich frei bedienen.

Eine Beobachtung, die mich beinahe zum Lachen brachte, habe ich neulich dann aber bei den Hygieneprodukten gemacht. Nein, es war nicht das Toilettenpapier. Das ist ein alter Hut. Das ganze Sortiment an Mundspülungen war weg, alles bis auf die teure Parodontax-Mundspülung. Bei solchen Merkwürdigkeiten kann man schon einmal nachdenklich werden. Also bin ich der Sache nachgegangen und bei meiner Recherche auf verschiedene Störfaktoren in der Lieferkette gestoßen. Welche das sind und wie alles miteinander zusammenhängt, habe ich euch nachstehend einmal leicht verdaulich aufgedröselt und mit Quellenangaben versehen.

Störfaktor 1: Corona-Pandemie

Ihr könnt es nicht mehr lesen, ich weiß, aber da müssen wir nun durch. Es spielt an dieser Stelle auch absolut keine Rolle, ob ihr daran glaubt oder nicht. Fakt ist, die Pandemie hat hier einen entscheidenden Einfluss genommen. Und all das begann vor zwei Jahren.

Durch den Import und Export sind besonders die Schifffahrtswege und die angefahrenen Häfen interessant. Als die Pandemie ausgerufen wurde, gab es mit der Zeit allerlei Maßnahmen in Form von Sicherheits- und Hygienekonzepten, die es einzuhalten galt. Das ist noch heute so. Diese Konzepte bedeuten eines, einen Mehraufwand an Zeit, weil der Warenübergang besonders sorgfältig abgewickelt werden muss. Wer schon einmal einen vollbeladenen Frachter in Hamburgs Hafen gesehen hat, weiß, das kann unter normalen Bedingungen schon seine Zeit dauern. Jetzt hat ein Hafen auch noch eine feste Zahl an Anlegestellen. Sind die belegt, kommt kein weiterer Frachter mehr in den Hafen rein. Ergo entsteht eine Warteschlange.

Wenn wir mal an 2020 und 2021 zurückdenken, haben wir leichte Auswirkungen solcher Warteschlangen schon zu spüren bekommen. Dieser Zustand dauert weiterhin an. (Quelle: https://www.logistik-watchblog.de/neuheiten/3468-gestoerte-lieferketten-containerschiffe-stauen-deutschen-haefen.html) Sicherheits- und Hygienekonzepte lassen grüßen.

Aber auch anderswo kommt es wegen der Pandemie zu Staus. Schaut euch mal an, was derzeit in China los ist (https://www.br.de/nachrichten/wirtschaft/corona-stau-im-hafen-von-shanghai-lieferengpaesse-in-deutschland,T3iRLUl) Frachter benötigen von dort bis zu uns etwa 30 bis 40 Tage. Dabei nehmen sie eine ganz bestimme Route, den Suez-Kanal.

Störfaktor 2: Ever Given und der Suez-Kanal

Ich sehe schon ein paar ungläubige Blicke auf mir ruhen. Aber lasst mich erklären. Im März 2021 steckte der Frachter Ever Given so unglücklich im Suez Kanal fest, dass für satte 6 Tage diese Passage zum Mittelmeer mit seinen Häfen nicht befahren werden konnte. Nichts ging vor, nichts ging zurück. Frachter die dort feststeckten, steckten fest. Alle anderen nahmen den viel weiteren Weg über die Südspitze Afrikas. Ein überaus langer, sprich zeitaufwendiger, und noch dazu gefährlicher Umweg. Da war es eben nicht mit den weiter oben erwähnten 30 bis 40 Tagen Seeweg getan. Verdoppeln wir den Zeitraum mal eben. 80 bis 90 Tage, umgerechnet sind das 3 Monate oder sogar mehr, je nach Schwierigkeiten, für die Warenanlieferung von China zu uns nach Europa.

Wer möchte kann sich mal über das Kap der guten Hoffnung informieren. Seeleute mögen diese Route überhaupt nicht. Hier ein kleiner Auszug aus den Aufzeichnungen von Wikipedia.

Unmittelbar an der Küste erstreckt sich eine Felsenlandschaft, die sich unter Wasser auf das Meer ausdehnt. Ein Großteil der Felsen befindet sich 50 cm bis 3 m unter der Wasseroberfläche und kann bei Niedrigwasser sichtbar werden. Neben den Felsen an sich geht eine weitere Gefahr von den starken Winden am Kap aus, die, selbst wenn ein Segelschiff diesen Ort eigentlich weit genug umfährt, es wieder in Richtung Küste drücken, so dass es dann auf die Felsen auflaufen kann. Dies wurde schon mindestens 23 Schiffen zum Verhängnis, die dort als Wracks auf dem Meeresgrund liegen.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Kap_der_Guten_Hoffnung

Doch zurück zu den Ereignissen am Suez-Kanal. Sie nahmen mehrschichtigen Einfluss auf Europas Lieferketten, nicht nur für Deutschland, worauf sich meine Betrachtung vorrangig fokussiert. Wir haben hier zum einen eine zeitlich verzögerte Warenlieferung zu verzeichnen: unpassierbare Route und den Umweg über das Kap. Derweil konnten andere Lieferwege wie z. B. zwischen den USA und Europa nahtlos weiterlaufen. Als dann die Frachter durch den Stau am Suez-Kanal aufgeholt hatten, konkurrierten sie natürlich mit den Frachtern der anderen Routen. Der Stau an europäischen Häfen verstärkte sich. Die bis heute andauernden Auswirkungen waren in der Zeit zwischen November und Dezember am präsentesten in den Medien. Alle hatten Angst um ihre Weihnachtsgeschenke. Es gab Lieferengpässe bei den unterschiedlichsten Warengruppen. Jetzt ist fast ein ganzes Jahr vergangen. Man sollte meinen, dass sich der Einfluss aus den Ereignissen im Suez-Kanal abgeschwächt hätte. Vielleicht wäre das der Fall, wenn die Pandemie nicht wäre (siehe obiges Beispiel von China) und nicht noch ein weiterer Störfaktor dazugekommen wäre.

Störfaktor Nr.3: Der Krieg in der Ukraine

Als wenn die Wechselwirkung aus zeitlicher Verzögerung bei der Warenabfertigung an den Häfen durch die Pandemie und der Blockierung des Suez-Kanals nicht schon schlimm genug wäre, kommt jetzt seit Februar 2022 noch der Krieg in der Ukraine dazu. Und dieser Faktor ist mindestens so schwerwiegend wie die beiden anderen zusammen. Insofern stimmt es schon, dass die Medien hier einen Grund für leere Regale sehen, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Schließlich kommen nicht alle Waren aus der Ukraine zu uns. Der eingangs von mir stark frequentierte Reis stammt aus China. Und wie es in den dortigen Häfen aussieht, habe ich euch nun auch dargelegt.

Doch zurück zur Ukraine. Sie ist einer der größten Exporteure von Weizen und Sonnenblumenöl. Im Hafen von Mariupol (Mittelmeer) werden seit Wochen keine Waren mehr umgeschlagen. Das bedeutet auch, dass alle anderen Frachter, die aus dem Suez-Kanal kommen, um mit Europa Handel zu treiben, auf andere Häfen ausweichen müssen und sich dort Warteschlangen bilden bzw. sich die Staus verschärfen. Auch der Anbau und die Ernte diverser Rohstoffe in der Ukraine ist hinfällig. Die Menschen fliehen aus dem Land, bis auf jene die bleiben, um es zu verteidigen. Unter den Verteidigern, sind eine Menge Einheimischer, vorwiegend Männer, weil sie zum aktiven Dienst an der Waffe eingezogen wurden. Darunter finden sich alle möglichen Berufe wieder, so auch LKW-Fahrer, die grenzübergreifend für den Transport von Waren zuständig waren. Das hat ebenso Auswirkungen auf die Situation in deutschen Märkten.

Zu nennen wäre hier auch Russland. Es ist der weltweit größte Exporteur von Weizen. Sehr viele Staaten boykottieren Russland. Die Folge ist ein Einfuhrstopp (zahlreicher) russischer Waren in die Länder, die den Boykott unterstützen, also nicht nur Weizen. Hierbei schneidet Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern – vorwiegend dritte Welt Länder – besser ab, aber auch wir spüren hier diesen Wegfall. Allerdings hat auch Russland einen Lieferstopp eingeführt. (Quelle: Bis zum Sommer: Russland schränkt Getreideexporte ein | tagesschau.de)

Fazit

Aus dieser sehr dynamischen Konstellation haben wir nun folgende Konsequenzen. Der Frachterstau in den Häfen kann nicht schnell genug bewältigt werden und die Häfen selbst haben eine festgelegte Lagerkapazität. Sind die Lager voll, können die Frachter nicht mehr entladen werden. Die Lager können aber nur entleert werden, wenn die Frachter neue Ware aufnehmen und nicht nur leere Container oder die gelieferten Waren abgeholt und weiter zum Endverbraucher transportiert werden. Das geschieht auf den Straßen oder den Seewegen (Binnenschifffahrt).

Aufgrund der Pandemie und des Krieges fällt an allen Ecken und Enden Personal aus, sei es für den Transport oder für das Abfertigen an den Häfen. Hinzu gesellen sich jetzt noch gestiegene Sprit- und Energiepreise, die den Speditionen das Leben zusätzlich schwer machen. Personal- und Lohnkürzungen sind zukünftige mögliche Folgen.

Zum Abschluss noch ein kleiner Exkurs in Sachen Weizen

Weil Weizen eine der Getreidesorten ist, dessen Fehlen uns im Supermarkt besonders auffällt, möchte ich an dieser Stelle ein gesondertes Schlusswort verfassen.

In den Medien wurde in der letzten Zeit des Öfteren berichtet, Deutschland könne seinen Weizenbedarf fast ausschließlich durch Eigenanbau decken. Warum dann die leeren Regale? Die Lieferwege sind innerhalb Deutschlands doch extrem klein im Vergleich zu den Transportrouten auf See oder über mehrere Staaten hinweg. Was bei all dieser Berichterstattung allerdings verschwiegen wird, ist, dass Weizen nicht gleich Weizen ist. Mehr als die Hälfte des angebauten Weizens in Deutschland ist Futter für Tiere der Bauern. Um zu verstehen, wieso das so ist, muss man ein wenig Ahnung von Landwirtschaft haben. Weizen, der für menschliche Nahrungsmittel verwendet wird, benötigt z. B. einen gewissen Eiweißgehalt. Diesen Eiweißgehalt erhält man nur mit der richtigen Düngung. (Quelle: https://www.agrarheute.com/markt/marktfruechte/hat-deutschland-genug-getreide-um-versorgen-fakten-591301)

Deutschland bezieht seinen Dünger übrigens aus Russland. Aber das ist derzeit nicht das Kernproblem. Auch die örtlichen Bedingungen, also der Boden auf dem Weizen angebaut werden soll, Klima usw. sind entscheidend. Nicht jeder Standort eignet sich also für den Anbau der Art von Weizen, wie wir ihn fürs Backen von Brot usw. bräuchten. Außerdem schreibt das Agrarministerium die Nutzung der potentiellen Anbauflächen vor und verbaut den Bauern dadurch einiges an Möglichkeiten, was sich wiederum in fehlender Ernte niederschlägt und am Ende auch uns Verbraucher trifft. Wie das alles zusammenpasst, erklärt ein Bauer an dieser Stelle: https://www.facebook.com/BauernBannerInfo/videos/5302260756504083/

Ich hoffe, dieser für meine Website eher ungewöhnliche Blogbeitrag war aufschlussreich für euch. Mir hat die Betrachtung an einigen Stellen ebenfalls neues Wissen beschert. Allerdings lassen mich die ganzen Umstände auch ein wenig unschlüssig ob der verzwickten Situation zurück.

Eure Rike Moor.

PS: Dieser Beitrag erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit aller Punkte, die dieses doch sehr umfangreiche Thema zu bieten hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s