Unscheinbare Verben

und ihre (Aus)Wirkung!

Mir ist schon einige Male etwas zu unscheinbaren Verben zu Ohren gekommen, dem ich, jüngst angefeuert durch einen FB-Beitrag in einer Autorengruppe, einen gesonderten Artikel widmen möchte. Sprechen wir heute doch einmal über „Unscheinbare Verben und was für eine Wirkung sie erzielen“. Beginnen wir mit einer Definition.

Was sind unscheinbare Verben?

Als unscheinbar werden Verben bezeichnet, die im Text „untergehen“, also nicht mehr aktiv wahrgenommen werden, beinahe unsichtbar sind. Hierzu zählen z. B. sagenantworten oder fragen, aber auch machen oder gehen. Ihr seht, diese Verben sind sehr geläufig und zählen zum Allgemeinwissen, stellen Grundpfeiler der Kommunikation dar. Jeder kennt sie, sei es in der Mutter- oder Fremdsprache.

Aber wieso sind sie dann unscheinbar oder gehen unter, wenn sie doch so wichtig sind?

Die Antwort ist simpel. Weil es sehr gebräuchliche Verben sind. Etwas, das immer da ist, wird kaum noch registriert, sondern als gegenwärtig sogar vorausgesetzt. Das gilt auch im gewissen Kontext für das geschriebene Wort. Als Leser erwartet man diese Verben in ihrer richtigen Konjugation, aber liest auch einfach darüber hinweg.

Daher findet sich in vielen Schreibratgebern die Empfehlung wieder, möglichst nur diese Basisverben in Geschichten zu benutzen. Grund: Alles andere stört den Lesefluss.

Meine Meinung dazu: Bullshit!

Bevor jetzt ein Aufschrei folgt, erkläre ich mich gerne. Das Handwerkszeug eines jeden Autors ist die Sprache, jedes Wort, das er/sie niederschreibt kann so viel mehr transportieren als die reine Bedeutung. Mit dem richtigen Wort lässt sich Stimmung greifbar einfangen und davon lebt eine Geschichte.

Dialoge sind recht häufig in Geschichten und natürlich stoßen wir da auch auf Inquits und eingeschobene Handlungen einer oder mehrerer Figuren. Wenn ich nun dauernd unscheinbare Verben verwende, mögen sie zwar untergehen und den Lesefluss nicht behindern, aber das Süppchen, das der Autor da köchelt, schmeckt gelinde gesagt sehr fade. Schauen wir uns dazu doch einfach ein kleines Beispiel an.

Eine aus dem Kontext gerissene und auf die Schnelle aus den Fingern gesogene Szene nach dem Beispiel eines Schreibratgebers.

Bsp. 1:

„Magst du noch auf einen Kaffee mit zu mir kommen?“, fragte Mark und lief rot an.
„Hm, ist es noch weit bis zu dir?“, fragte Klara unentschlossen.
„Nein, ich wohne am Ende der Straße“, antwortete Mark. „Wir sind in höchstens 5 Minuten da.“
„Dann gerne“, sagte Klara zustimmend.

So oder so ähnlich sind mir Dialoge schon untergekommen, die sich an diese Regel gehalten haben. Möglichst einfache Wortwahl mit einfachem Satzbau. Im Prinzip ist an der Klarheit von Sätzen nichts auszusetzen, aber hierbei kommt keine Stimmung auf. Es gibt neben den unscheinbaren Verben noch andere Problempunkte: dauernde Personenbenennung, gleiche Dialogabfolge (wörtliche Rede + Inquit).

Spendieren wir der Szene doch ein wenig Stimmung.

Bsp. 2:

„Magst du noch auf einen Kaffee mit zu mir kommen?“, nuschelte Mark und lief rot an.
Klara sah unentschlossen zu ihm auf. „Hm, ist es noch weit bis zu dir?“
„Nein, ich wohne am Ende der Straße“, entgegnete er stotternd. „Wir sind in höchstens 5 Minuten da.“
„Dann gerne.“

Erkennt ihr die Wirkung der Worte? In dem Dialog ist Mark – so wie in Bsp. 1 auch schon – ein eher schüchterner Junge, der seine Herzdame um etwas mehr Zeit mit ihm bittet.

1. Satz: Durch die Verwendung von „nuscheln“ wird das noch einmal verdeutlicht und auch gesagt, wie er Klara fragt. Die Tonlage kann man sich hierbei auch gut vorstellen, ohne sie vielleicht gesondert zu beschreiben, wozu auch viele Autoren neigen, weil sie unscheinbare Verben benutzen.

2. Satz: Umgestaltung. Klara handelt nun aktiv und dadurch wird ein Inquit unnötig. Dass sie etwas fragt, wird schon alleine durch das ? deutlich.

3. Satz: Da Mark ein sehr schüchterner Junge ist, kann ihn so eine Reaktion wie von Klara zusätzlich verunsichern. Also ist es nur logisch, die Wortwahl entsprechend anzupassen. Dies kann wie in meinem Beispiel durch das Inquit „entgegnete er stotternd“ herbeigeführt werden. Gleichzeitig ist hier auch sein Name nicht noch einmal erwähnt, was bloß eine reine Wortwiederholung auf engem Raum wäre.

4. Satz: Inquit ersatzlos gestrichen. Das mögen auch einige Autoren zuerst nicht. Aber ich frage mich wieso, wenn doch klar ist, wer spricht und es ansonsten nur hieße „antwortete Person X“. Unscheinbarer geht es nicht und da man es eh laut Schreibratgeber überlesen hätte, macht es keinen Sinn, unnötige Worte zu verwenden. Sie fressen nur kostspieligen Platz.

Und hat euch die Verwendung der Synonyme aus dem Lesefluss gerissen?

Sollte die Antwort nun wider Erwarten Ja lauten, bitte ich euch, einmal genau zu überlegen, wieso das so ist. Nicht selten ist eine Störung des Leseflusses darauf zurückzuführen, dass man gewisse Worte nicht kennt und sich deren Sinn auch nicht aus dem Kontext ergeben. Darin dürfte meiner Meinung nach auch der Grund liegen, weshalb in Schreibratgebern dafür plädiert wird, möglichst unscheinbare Verben zu verwenden. Immerhin bilden sie die Kommunikationsbasis und gehören zum Allgemeinwissen. Missverständnisse sind da verflucht selten.

Eigentlich ist das ja ein gut gemeinter Ansatz für angehende Autoren, überhaupt erst einmal eine Geschichte bis zur Vollendung zu bringen. Eine überaus große Hürde übrigens. Allerdings besteht hier die Gefahr, dass sich dieser antrainierte Minimalismus festigt und es anschließend zu keiner Weiterentwicklung der eigenen Erzählfähigkeit kommt. Das wiederum färbt irgendwann natürlich auch auf die Leserschaft ab. Mehren sich solche Geschichten auf dem Buchmarkt, reduziert sich automatisch mit der Zeit der Wortschatz der entsprechenden Zielgruppe. So kommt es dann zu folgendem Bumerangeffekt: Geschichten mit einer hohen Wortvielfalt werden als schwierig(er) lesbar empfunden – vorausgesetzt natürlich die Texte sind ansonsten einwandfrei geschrieben worden.

Aus meiner Sicht ist das ein äußerst negativer Effekt, denn jede Sprache gibt so viel her, wenn die richtigen Worte an der richtigen Stelle benutzt werden. Sie sind die Magie des Autors, um zu verzaubern und wahre Wunder zu vollbringen. Lasst dieses Talent nicht verkümmern und nutzt an passender Stelle, was die Sprache euch bietet.