Buchsatz: Häufige Fehltritte

In meinem letzten Beitrag habe ich mich der Wahl der richtigen Schrift gewidmet. Heute möchte ich ein paar Worte zu den Stolpersteinen fallen lassen, die einem sonst noch im Buchsatz begegnen, und davon gibt es viel, viel mehr, als so mancher denkt. Einige Stolpersteine springen einem direkt ins Auge, während andere beim ersten Hinsehen wenig auffallen. Es kommt ganz auf das eigene geschulte Auge an. An dieser Stelle behaupte ich ganz frech, dass der aufmerksame und wissende Leser sie größtenteils erkennt und dass der ungeübte Leser sie zumindest unterschwellig wahrnimmt, allerdings nicht im positiven Sinn.

Flattersatz statt Blocksatz

Mir scheint es so, als käme der Flattersatz immer seltener vor, aber immer noch zu oft. Klar, er hat den Vorteil, dass Worte, die nicht mehr in eine Zeile passen, einfach in die nächste Zeile geschoben werden. Somit lassen sich unschöne Lücken – auf die komme ich später zu sprechen – vermeiden, aber im Gegenzug sieht der Rand „angefressen“ aus. Selbst wenn man hier mit manuellen Silbentrennungen nacharbeitet, ändert sich nichts daran.

Fakt ist: Flattersatz hat in einem Taschenbuch erst einmal nichts zu suchen. Allenfalls lässt er sich als optisches Stilmittel einsetzen, dann jedoch sehr sparsam und ist nicht zur Darstellung eines ganzen Romans geeignet.

Fehlender Erstzeileneinzug

Ebenfalls auf dem Rückzug der gemachten Fehler seitens Laiensetzer ist der fehlende Erstzeileneinzug. Hierbei ist zu beachten, dass der Einzug nicht den ersten Absatz eines neuen Kapitels betrifft. Jener wird stets bündig gearbeitet. Aber alle Absätze, die danach folgen, erhalten einen Erstzeileneinzug. Seine Funktion beläuft sich auf die leichte Lesbarkeit längerer Textpassagen. Der Leser erhält so die sofort zugängliche Information, wo er eine Pause im Textfluss einlegen und ohne große Suche wieder starten kann. Auf sehr dialoglastigen Seiten mag es einem komisch vorkommen, aber wer schon einmal eine Textwand mit nur einem Absatz je Taschenbuchseite ohne Erstzeileneinzug gesehen und versucht hat, zu lesen, weiß diese Hilfe sehr zu schätzen.

Zu häufige oder seltene Absätze

Absätze erleichtern das Lesen, geben dem Auge also eine Hilfe für Ruhepausen, unterbrechen so den Lesefluss und halten die wörtliche Rede von ein und derselben Person mit eingeschobenen Handlungen zusammen. Sie werden also gezielt gesetzt und nicht immer nach gut dünken. Anfänger begehen oft den Fehler und benutzen diese Möglichkeit, um andere Fehler zu vermeiden, damit kein Schuster, keine Hure auftaucht oder die Registerhaltigkeit gewahrt bleibt. (Gleich mehr dazu.)

Herauskommen dann wahre Textwände, die am besten ohne den erwähnten Erstzeileneinzug wahrhaft erschlagend wirken, oder bei mehreren einzeiligen Sätzen den Lesefluss an den unpassensten Stellen derart unterbrechen, dass das Lesen keinen Spaß mehr macht. Und nein, solche Aussagen wie ‚Ich liebe Absätze‘ haben absolut keine Berechtigung. Es geht bei Absätzen nicht darum, ob man sie liebt, sondern um deren Funktion und sinnigen Einsatz.

Abstände zwischen den Absätzen

Bleiben wir noch kurz bei den Absätzen, denn es gibt in diesem Bereich noch einen weiteren Fehler, den Abstand dazwischen.

Es existiert genau eine Regel: Zwischen Absätzen gibt es keinen gesonderten Abstand.

Die Absätze werden durch ganz normale Zeilenabstände voneinander getrennt. Einzige Ausnahme bilden gestalterische Elemente, wenn es z. B. eine längere Rückblende gibt oder Ähnliches. In Verbindung hiermit kommen auch verschönernde Bildelemente ins Spiel.

Registerhaltigkeit

Das Wort erzeugt nicht gerade bei wenigen Leuten ein oder gleich mehrere Fragezeichen über dem Kopf. Verständlich, denn es stammt aus der Bürotätigkeit und hat etwas mit Registern zu tun: strukturell einheitlich abgelegte Akten. Gelernte Bürokaufleute kennen das Hängeregister und mit dem Bild vor Augen wird vielleicht das Wort greifbarer.

Beim Buchsatz meint man keine einheitliche Ablage, aber einheitlich gestaltete Zeilen. Die Zeilen zweier Seiten im Buch (die linke und die rechte) sollen so in der horizontalen Lage ausgerichtet sein, dass sie linear verlaufen. Das ist aber noch nicht alles. Von der Registerhaltigkeit einer Buchseite wird auch verlangt, dass jede Seite bis zur letzten Zeile beschrieben ist. Einzige Ausnahme bildet hier das Kapitelende. Alle anderen Seiten, vom Kapitelanfang bis zur einschließlich vorletzten Seite, haben bündig unten abzuschließen.

Um dieses Ziel zu erreichen und dabei andere Fehler zu vermeiden wie das plumpe Herumspielen mit zu vielen oder wenigen Absätzen, braucht es typographisches Verständnis und wie man das benutzte Programm dazu bringt, genau das zu erzeugen.

Schuster, Huren und Fliegenschiss

Wie bereits früh erwähnt gibt es immer mal wieder Schuster, Huren und Fliegenschisse in Romanen. Gemeint sind keine Schimpfworte, sondern aus dem einstigen Beruf des Setzers stammende interne Fachbegriffe für ganz bestimmte Fehlertypen. Eine Freundin, die in dem Beruf noch gelernt hat, gab mir für die ersten beiden Begriffe zwei Merksätze mit auf den Weg.

Der Schusterjunge weiß nicht, wohin er geht.

Das Hurenkind weißt nicht, vorher es stammt.

Den Schusterjungen kennzeichnet ein beginnender Absatz auf der letzten Zeile einer Buchseite. Alle anderen Sätze finden sich auf der neuen Seite wieder. So fungiert der Beginn des neuen Absatzes wie ein Einzeiler, der oft genug mitten im Satz abbricht und wegen des Weiterführens auf der nächsten Seite auch noch den Lesefluss unterbricht. Wie inzwischen bekannt sein dürfte, ist die Unterbrechung des Leseflusses nur bedingt erwünscht.

Beim Hurenkind verhält es sich umgekehrt. Hier ist die letzte Zeile eines Absatzes auf der nächsten Seite angeordnet, ehe sofort ein neuer Absatz anschließt. Auch hier gilt, was ich über den Lesefluss bereits gesagt habe. In einigen Fällen kann das Hurenkind auch zum sog. Fliegenschiss degenerieren.

Den Fliegenschiss erkennt man daran, dass nur wenige Zeichen in die letzte Zeile eines Absatzes gerutscht sind. Passieren kann das mittels Silbentrennung oder mit einem einzelnen kurzen Wort, das nur aus einer Silbe besteht. Letzteres ist meist verkraftbar, während die Trennung eines Wortes wie z. B. „wollte“ in „woll-“ und „te.“ als letztes Wort am Ende des Absatzes einfach nur grausam aussieht.

Silbentrennungen

Silbentrennungen sind an sich keine üblen Kniffe. Sie helfen insbesondere beim Blocksatz, unschöne Lücken zu vermeiden. Allerdings können sie schnell unansehnlich werden, wenn sie in Gestalt von Rudeltieren auftauchen, einen Fliegenschiss verursachen oder unschöne Wortkonstrukte hervorbringen. Ich sage nur: Ur-instinkt oder Urin-stinkt.

Betrachten wir uns einmal eine Buchseite mit den Angaben 12,5 x 19 cm Endformat und einer Zeilenanzahl um die 32. Es wären also maximal 32 Silbentrennungen möglich. Sehr sinnvoll ist das leider nicht und dennoch gibt es Kandidaten im Buchsatz, die 5 und mehr in Reihe geschaltet haben, egal, ob noch weitere auf der gleichen Seite auftauchen oder es sich hierbei um die einzigen handelt. Silbentrennungen unterbrechen nicht nur den Lesefluss, sie sehen ab einer gewissen Anzahl auch echt scheiße aus. Wer es auf die Spitze treiben möchte, produziert dazwischen auch noch einen Gedankenstrich am Ende der Zeile. Die optische Katastrophe ist dann komplett.

Also Augen auf im Umgang mit Silbentrennungen! Es sollten nicht zu viele auf einer Seite vorkommen. In dem von mir erwähnten Beispiel mit 32 Zeilen sind 5 bis maximal 8 Trennungen (persönliche Empfehlung) durchaus akzeptabel. Weniger sind natürlich zu priorisieren.

Lücken im Text

Auf den Stichpunkt haben wohl schon einige gewartet. Ja, das ist der weit bekannte Klassiker unter den Fehltritten im Buchsatz. Besonders häufig tauchen (große) Lücken bei langen Worten innerhalb einer Zeile auf. Aber auch bei vielen kleinen bis mäßig langen Worten kann es zur Lückenbildung kommen. Wie man sie bereinigt, ist situationsbedingt, hängt also vom Text selbst ab. Silbentrennungen sind eine Möglichkeit, Spationierung eine andere. Gelegentlich hilft auch das Verschieben eines Absatzes. Und wenn all das nichts bringt, muss man sich fragen, ob man nicht doch das eine oder andere Füllwort (falls vorhanden) streicht oder den Satz umstellt oder leicht umschreibt. Bevor jedoch neu geschrieben oder umgestellt wird, gilt es, alle anderen Kniffe auszuprobieren. Denn für gewöhnlich wird der Buchsatz erst angegangen, wenn Lektorat und Korrektorat erfolgt sind. Derartige Eingriffe besitzen ein sehr hohes Fehlerpotential.

Schlusswort

Es gibt durchaus noch mehr Fehler, die man beim Buchsatz im gesamten Werk hervorbringen kann. Aber diese Übersicht soll erst einmal genügen, da alleine diese Fehlerquellen einem Setzer schon viel Können – im Umgang mit der richtigen Software – typographisches Wissen sowie ein geschultes Auge abverlangen.

Buchsatz ist nichts, was sich im Vorbeigehen einfach so erledigen lässt, erst recht nicht mit Templates wie sie z. B. von BOD oder anderen Quellen kostenfrei bereitgestellt werden. Solche Templates (z. B. die allseits bekannten Worddokumente) haben nur gewisse Grundeinstellungen, die an das Format geknüpft sind. Darunter fallen das Format selbst (z. B. 12,5 x 19 cm), die Ränder, Aufbau des Buchblockes/Innenlebens, Durchnummerierung der Seiten usw.

Warum wird dann so ein Hilfsmittel bereitgestellt?

Nun die Antwort ist simpel, auch wenn sie dem einen oder anderen jetzt sauer aufstößt. Nehmen wir einmal BOD. BOD ist ein Dienstleister und die Templates eine Seviceleistung, um dem Kunden eine schnelle Veröffentlichung zu ermöglichen, weil dessen Kenntnisse im Umgang mit gewissen Programmen nicht ausreichen. Templates sind ein Marketing-Werkzeug gedacht zur Kundenbindung und nicht, um einem den Buchsatz zu ermöglichen. So einfach ist das.

Wen ich mit dieser abschließenden Antwort nicht verprellt habe, ist herzlich eingeladen, sich auch den abschließenden Artikel durchzulesen, sobald jener erschienen ist. Thematisch wende ich mich dann den Setz- und Schreibprogrammen zu.